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Logopädische Praxis
Julia Oehmen

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Allgemeine Hinweise zur Förderung der kindlichen Sprache

Richtiges Sprechen muss wie viele andere Fähigkeiten im Kindesalter erlernt werden.

Die unauffällige Sprachentwicklung ist also keine Selbstverständlichkeit, sondern kann durch
viele Faktoren beeinträchtigt werden (z.B. schlechtes Hören oder wenig Sprachvorbild).
Auch hier gilt das Sprichwort : „ÜBUNG MACHT DEN MEISTER !“
Um richtig sprechen zu lernen sollte Ihr Kind möglichst viel selbst sprechen.
Ein Kind lernt schneller, wenn es viel Gelegenheit bekommt, seine Sprache ohne
Zwang oder Druck zu üben. Dazu ist es Voraussetzung, dass Ihr Kind trotz einer Sprachstörung
Freude am Sprechen hat.

 

Folgende Hinweise sollen Ihnen aufzeigen, wie Sie trotz der Sprachstörung oder- verzögerung
die Sprechfreude Ihres Kindes erhalten oder wecken und so seine Sprachentwicklung fördern
können.

 

1. Versuchen Sie, ein guter Zuhörer zu sein !

 

Es ist auch bei Erwachsenen so, dass man viel lieber und viel mehr spricht, wenn man einen
guten Zuhörer hat. Nehmen Sie sich also viel Zeit Ihrem Kind zuzuhören. Lassen Sie es
immer ausreden, ohne ungeduldig zu werden ! Achten Sie darauf, WAS das Kind zu sagen
hat und nicht WIE es das tut (z.B. mit fehlerhafter Aussprache oder unflüssig). Beenden Sie
auf keinen Fall die Sätze Ihres Kindes ! Sie werden aus eigener Erfahrung wissen wie schnell
man dann die Lust verliert, es überhaupt selber zu versuchen.
Am Anfang wird Ihnen das schwer fallen, weil Sie sich vielleicht über das fehlerhafte
Sprechen ärgern. Mit der Zeit werden Sie aber lernen, dies weitgehend zu überhören und nur
auf den Inhalt dessen zu achten, was das Kind Ihnen erzählen will.

2. Wie Sie beim Sprechen lernen helfen können !

 

Freuen Sie sich mit Ihrem Kind, wenn es versucht Sie nachzuahmen ! Loben Sie das Kind so,
dass das Kind Ihre Begeisterung deutlich merkt ! Gelingt es Ihrem Kind noch nicht, alle
Wörter richtig auszusprechen, so können Sie die noch fehlerhaften Sätze in einem
Zusammenhang noch einmal wiederholen (z.B. KIND : „Bume haben !“
MUTTER : „Ja, komm, wir holen eine Blume !“) Weisen Sie Ihr Kind aber nicht auf die Fehler hin
und korrigieren Sie nicht wie z.B. : „Das heißt nicht Bume sondern BLUME“.

Werden die Fehler ständig korrigiert, so werden Sie dem Kind erst bewusst gemacht. Es wird
dadurch die Freude am Sprechen verlieren und wird gehemmt, sich sprachlich zu äußern.
Wenn Sie Ihr Kind für sprachliche Äußerungen loben und diese nicht als selbstverständlich
betrachten, stärken Sie sein Selbstbewusstsein und machen es unempfindlicher gegen Kritik
von außen.

 

3. Versuchen Sie, ein gutes Sprachvorbild zu sein !

 

Kinder lernen vieles durch Nachahmung; auch bei der Entwicklung der Sprache spielt die
Nachahmung eine sehr große Rolle. Seien Sie deshalb ein gutes, kindgerechtes Sprachvorbild
für Ihr Kind (KEINE „Babysprache“!). Achten Sie darauf, dass Sie alle Worte klar und
deutlich aussprechen. Sprechen Sie langsam mit Ihrem Kind. Verwenden Sie häufig
gebrauchte Wörter und sprechen Sie in einfachen, aber korrekten und vollständigen Sätzen.
Wenn Sie Ihr Kind mit einem Redeschwall überfallen, kann es die einzelnen Wörter nicht
heraushören. Es besteht dann die Gefahr , dass es sich angewöhnt nicht mehr hinzuhören
wenn Sie reden. Die richtige Dosierung der Sprechmenge ist wichtig. Besonders leicht wird
Ihnen dies gelingen, wenn Sie sich im Gespräch mit Zuhören und Reden abwechseln.

 

4. Führen Sie regelmäßig einmal am Tag ein Gespräch mit Ihrem Kind !

 

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass häufiges Fernsehen die Sprachentwicklung von Kindern
NICHT fördert, sondern aufhalten kann.
Die Gründe : 1. Das Kind spricht beim Fernsehen nicht selbst und übt seine Sprache nicht.
2. Es versteht viele Begriffe nicht (dies gilt auch für Kindersendungen) und
gewöhnt sich daran, sich berieseln zu lassen und nur die Bilder anzusehen.
Es ist weiterhin erwiesen, dass, wenn Mutter, Vater oder eine andere erwachsene Person sich
einmal am Tag für eine halbe Stunde regelmäßig Zeit für das Kind allein nimmt (zum
Unterhalten, sprachlich anregenden Spielen etc.) die Sprachentwicklung entscheidend
gefördert wird.
Versuchen Sie es so einzurichten, dass Sie in dieser Zeit mit Ihrem Kind allein sind und nichts
Anderes Ihre Aufmerksamkeit ablenkt (z.B. jüngere Geschwister). Am besten nutzen Sie
diese Zeit, wenn Sie gemeinsam ein altersgemäßes Bilderbuch ansehen (Bücherei) und sich
gegenseitig erzählen, was die Tiere und Personen tun. Beachten Sie dabei immer die Punkte
1-3 zu richtigem Zuhören, Korrigieren und einem guten Sprachvorbild. Nach einiger Zeit
werden Sie diese Zeiten mit Ihrem Kind nicht mehr missen wollen, sie fördern sehr die gute
Beziehung zwischen Eltern und Kind.
Zusätzlich außerhalb dieser reservierten Zeit sollten Sie daran denken, deutlich mehr zu
sprechen als vielleicht bisher, denn ein sprachgestörtes Kind muß Worte und Sätze viel öfter
hören, um sie zu behalten.
Bei jüngeren Kindern: Sprechen Sie bei den Tätigkeiten, die Sie und Ihr Kind ausführen
und füllen Sie die täglichen Abläufe so mit Sprache. Beim Baden benennen Sie die
Körperteile, beim Anziehen die Kleidungsstücke, beim Spülen oder Aufräumen die Sachen,
die Sie gerade in der Hand haben.
Bei älteren Kindern: Machen Sie Spaziergänge und erzählen Sie sich gegenseitig, was Sie
sehen. Spiele machen dies abwechslungsreicher (z.B. „Ich sehe was, was Du nicht siehst!“).
Unternehmen Sie Ausflüge, zeigen Sie dem Kind alle Dinge, die in seiner Welt vorkommen
und erklären Sie viel dazu. Sprechen Sie vorher darüber, was Sie sehen und erleben werden.
Später zu Hause erinnern Sie sich daran, was Sie gesehen haben und sprechen Sie vielleicht
anhand von Fotos noch einmal darüber. Wenn Ihnen dies zuviel erscheint bedenken Sie bitte,
dass sprachauffällige Kinder meist ein schlechtes Gedächtnis für Sprache haben (nicht für
Ereignisse!) und daher Wörter und Sätze viel häufiger hören müssen, um sie zu behalten.

 

5. Förderung des Sprachgedächtnisses

Das schlechte Sprachgedächtnis können Sie entscheidend dadurch verbessern, dass Sie mit
Ihrem Kind Reime, Lieder oder kleine Gedichte und Sprüche auswendig lernen und
gemeinsam sprechen oder singen. Der Rhythmus der Reime und die Melodie der Lieder
unterstützen und fördern das Gedächtnis für Sprache. Lassen Sie sich von der Erzieherin im
Kindergarten die Texte und Lieder geben, die dort gerade gelernt werden und üben Sie diese
zu Hause. Dies vertreibt so manche Langeweile auf Autofahrten!

6. Förderung anderer Sinnesleistungen

Viele sprachgestörte Kinder sind v.a. feinmotorisch sehr ungeschickt. Machen Sie deshalb mit
dem Kind Ballspiele (Einüben von Fangen und Werfen), malen Sie viel mit ihm, gehen Sie
zum Kinderturnen und zum Schwimmen. Es ist erwiesen, dass sich die Geschicklichkeit der
Hände auf eine bessere Aussprache auswirkt. Andere Vorschläge dazu wären :
Perlen auffädeln, Kneten, Spiel mit kleinen Teilen, Puzzles, Steckspiele und weitere Dinge,
die eine gewisse Fingerfertigkeit erfordern.
Die Geschicklichkeit der Mundbewegungen muss häufig auch gefördert werden. Die Kauund
die Sprechmuskulatur ist die gleiche !!! Lassen Sie Ihr Kind daher feste Speisen essen
und achten Sie darauf, dass es gut kaut. Geben Sie ihm rohes Gemüse zum Knabbern, ab und
an auch einen Kaugummi. Lassen Sie es Getränke mit einem dünnen Strohhalm trinken (dies
funktioniert auch mit Pudding oder Joghurt !). Machen Sie viele Pustespiele : Watte pusten,
Seifenblasen, Pfeifen, die sich aufrollen.
Viele Kinder sind auch sehr unaufmerksam gegenüber dem, was sie in ihrer Umgebung
hören. Deshalb sprechen sie falsch. Machen Sie daher mit Ihrem Kind Hörübungen der
folgenden Art : Seien Sie still und lauschen Sie, welche Geräusche es in der Umgebung zu
hören gibt (Wer entdeckt dabei mehr ?). Zählen Sie diese auf und sprechen sie darüber.
Führen Sie dasselbe Spiel auch zu verschiedenen Tageszeiten durch oder bei Bekannten, in
einem Wald, an einem Bahnhof, in der Stadt, im Auto usw.
Sprechen Sie beim Bilderansehen ein Wort auch einmal falsch aus, und schauen Sie, ob das
Kind dies bemerkt. Wenn nicht, machen Sie das Kind darauf aufmerksam und spielen Sie dies
als Spiel häufiger („Mamas falsche Wörter erwischen“).
Zum Training des Richtungshörens kann ein Wecker im Zimmer versteckt werden, der dann
durch genaues Hinhören auf das TICK-TACK hin wieder entdeckt werden soll.
Lassen Sie das Gehör in regelmäßigen Abständen von einem Facharzt untersuchen, da sonst
entscheidende Phasen der Sprachentwicklung durch schlechtes Hören verpasst werden
könnten.

7. Allgemeine Hinweise

Sorgen Sie für einen regelmäßigen, ruhigen Tagesablauf, gesunde Ernährung, ausreichend
Schlaf, viel Bewegung im Freien, ausreichend Zeit für gemeinsame Spiele, wenig
FERNSEHEN (!!!), möglichst wenig Situationen, die das Kind überfordern.
Seien Sie selbst nicht hektisch im Umgang mit Ihrem Kind, sondern möglichst ruhig und
ausgeglichen. Sorgen Sie dafür, dass sich Ihr Kind nicht abkapselt, sondern viel mit anderen
Kindern spielt. Achten Sie darauf, dass diese Kinder Ihr Kind nicht wegen seiner
Sprachstörung hänseln.

STÄRKEN SIE DAS SELBSTBEWUSSTSEIN IHRES KINDES !

Versuchen Sie täglich Dinge zu finden, für die Sie es loben können, und tun Sie dies deutlich!
Häufig wird gutes Verhalten als selbstverständlich hingenommen und gar nicht erwähnt.
Der Besuch eines Kindergartens fördert die Sprachentwicklung entscheidend !
Versuchen Sie Spielzeug anzuschaffen, das zum Sprechen einlädt. Ein Spiel mit Bauklötzen
wird eher stumm ablaufen als ein Spiel mit Kasperpuppen oder einem Puppenhaus. Seien Sie
kreativ.

8. Zweisprachigkeit und Dialektgebrauch

Sprachlich gut begabte Kinder können bereits im Vorschulalter zwei Sprachen gleichzeitig
erlernen, sprachlich weniger begabte haben schon Mühe, auch nur eine Sprache richtig zu
lernen. Dies gilt auch für den Gebrauch eines Dialekts oder Mundart („Platt“). Plattdeutsch
und Hochdeutsch unterscheiden sich so beträchtlich voneinander, dass es sich fast um
verschiedene Sprachen handelt. Dies ist für ein sprachlich retardiertes Kind eine absolute
Überforderung !!!
Ein solches Kind sollte zunächst nur eine Sprache lernen (also auch hören), am besten
Hochdeutsch, da dies auch in der Schule verwendet wird. Das Sprachmodell sollte bei allen
Familienmitgliedern gleich sein, also auch bei den Großeltern ! Es genügt nicht, wenn nur mit
dem Kind Hochdeutsch gesprochen wird, auch untereinander sollten sich die Erwachsenen
daran halten, da dies das Modell des Kindes darstellt, nach dem es Sprache lernt. Kinder
lernen Sprache zu einem Großteil aus dem Zuhören der Gespräche Anderer.

Wenn Sie noch Fragen haben zögern Sie nicht, diese zu stellen !!! Wir beraten Sie gerne
zu Büchern, Material, Spielzeug u.ä.

Ihr Team der Logopädischen Praxis Julia Oehmen